Gesundheitspolitik

Operationen ohne Anästhesist? In armen Ländern nicht ungewöhnlich

Anästhesist bei der Arbeit
© torwaiphoto / Fotolia

In Afrika, sowie in Teilen Asiens und Lateinamerikas, sterben häufig Mütter und ihre Neugeborene, wenn eine Geburt kompliziert verläuft, da es niemanden gibt, der routinemäßig Operationen wie einen Kaiserschnitt durchführen kann.

Da es dort häufig generell nicht genügend Chirurgen gibt, versterben junge Menschen sehr oft an Unfallverletzungen. Dieser Sachverhalt führt auch dazu, dass ein Kind, das mit einem Gaumenspalt oder einem Klumpfuß geboren wird, ein lebenlang an dieser Behinderung leiden wird.

In einem Papier aus dem Jahr 2008 schrieb der Arzt und Antrophologe Dr. Paul Farmer, bekannt für seine humanitäre Arbeit mit AIDS-Patienten in Haiti: „In Afrika kann die Chirurgie als das vernachlässigte Stiefkind der globalen Gesundheitsversorgung betrachtet werden.“

Der Weltverband der Gesellschaften der Anästhesisten (WFSA) sieht einen Mangel an Anästhesisten ebenfalls als Teil dieses Problems, denn viel zu häufig mangelt es nicht nur an Chirurgen, sondern auch an Anästhesisten.

Der Mangel an adäquat ausgebildeten Anästhesisten führt in der Konsequenz dazu, dass in den armen Ländern sehr viel mehr Menschen sterben. Insgesamt können viel weniger Operationen durchgeführt werden. Zudem werden Patienten oft von Leuten mit schlechter oder teils gar keiner Ausbildung im Bereich der Anästhesie betreut.

Anästhesisten sind geschult, um mit Blutdruckabfällen umzugehen und bei Komplikationen angemessen zu reagieren. Ist dies nicht der Fall, so kann es zu massiven Folgeschäden für lebenswichtige Organge wie z.B. Gehirn oder die Nieren kommen.

Die WFSA hat eine Karte veröffentlicht, die landesweit die Anzahl der Anästhesisten weltweit zeigt. Sie fand heraus, dass häufig reichere Länder, wie z.B. Deutschland, 20 bis 30 Anästhesisten je 100.000 Menschen vorweisen können. In Afrika aber, insbesondere südlich der Sahara und in Teilen Asiens, gibt es oft weniger als einen Anästhesisten je 100.000 Menschen.

Im Folgenden eine globale Stichprobe an Anästhesisten je 100.000 Menschen:

  • Schweiz: 54,22
  • Österreich: 39,34
  • Deutschland: 30,98
  • Vereinigte Staaten: 20,82
  • Großbritannien: 17.85
  • Südafrika: 16,18
  • Frankreich: 15,06
  • Kanada: 12,42
  • Mexiko: 6,42
  • China: 5,12
  • Thailand: 2,45
  • Indien: 1,26
  • Gambia: 0,1
  • Tschad: 0,01

In einigen Ländern gibt es sogar überhaupt keine Anästhesisten – wie z.B. in Somalia und der Zentralafrikanischen Republik. Diese Länder verfügen über Krankenschwestern mit einer Grundausbildung in der Betäubung von Patienten. In Somalia gibt es 32 solcher Krankenschwestern für eine Bevölkerung von etwa 15 Millionen Menschen. In der Zentralfrikanischen Republik sind es 24, bei einer Population von 5 Millionen. Eine bessere Ausbildung im Bereich der Anästhesiologie, einschließlich von Krankenschwestern, könnten in diesen Ländern helfen, den Mangel zu lindern. Die WFSA empfiehlt ein Zwischenziel von mindestens 5 Anästhesisten pro 100.000 Personen.

Warum es wichtig ist, diese Zahlen zu erfassen und sie in einer Karte zu kennzeichnen

Es handelt sich dabei um ein Mittel zur Planung, damit die Länder sehen können, wie viele Anästhesisten überhaupt verfügbar sind. Gleichzeitig ist enorm wichtig, um Aufmerksamkeit auf den Mangel an ausgebildeten Anästhesisten zu lenken. Fünf Milliarden Menschen auf der ganzen Welt können im Ernstfall keine sichere Anästhesie oder sichere Chirurgie erwarten. Das sind fünf von sieben Menschen in der Welt.

Da sich die Kapazität an Chirurgen in den Entwicklungsländern langsam verbessert, könnte man glauben, es gäbe auch Anstrengungen, eine sichere Anästhesie zu gewährleisten. In der Realität verstehen die für die Ressourcenentscheidungen Verantwortlichen aber häufig nicht die wesentliche Rolle der Anästhesie, bei der Bereitstellung chirurgischer Leistungen.

Anästhesisten sind hochqualifizierte Mediziner

Ein Anästhesist ist ein Facharzt, der sich nach dem Medizinstudium im Fachgebiet der Anästhesiologie spezialisiert. In Deutschland dauert die Facharztausbildung im Bereich Anästhesiologie mindestens 5 Jahre. Die Dauer bis alle notwendigen Qualifikationen erreicht werden, könnten jedoch von Staat zu Staat variieren. In westlichen Staaten gilt es als selbstverständlich, dass Anästhesisten bei Operationen für die Narkose und Überwachung des Patienten zuständig sind, aber gerade in afrikanischen und lateinamerikanischen Staaten ist die Situation häufig so katastrophal, dass es nur zur einer Verbesserung der Gesamtsituation führen kann, wenn beispielsweise Krankenschwestern den Aufgabenbereich eines Anästhesisten übernehmen.

Aufgrund der furchtbaren Zustände, ist die Konsequenz in einigen Teilen des Afrikas, dass Menschen teilweise 1.000 Mal häufiger an Komplikationen im Zusammenhang mit der Anästhesie sterben. Es kann sein, weil ein Mangel an dem Wesentlichen der sicheren Anästhesie – ausreichende Arbeitskraft, richtige Ausrüstung und geeignete Medikamente. Grundsätzlich liegt das Problem aber am Mangel an Anästhesisten. Anästhesiologie ist sehr komplex und gefährlich. Der Anästhesist ist für die Betreuung des Patienten vor, während und nach der Operation verantwortlich. Wenn diese Person nicht richtig trainiert oder erst gar nicht verfügbar ist, dann können nur verherrende Ergebnisse erzielt werden.

Was wird getan, um die Kapazitäten in armen Ländern zu erhöhen?

Im Jahr 2015 verabschiedete die Weltgesundheitsversammlung eine Resolution zur chirurgischen Versorgung und Anästhesie. Seitdem wurde die Versammlung aufgefordert, einen Plan zusammenzustellen, der auch zu konkretem Handeln führt.

Ist Chirurgie schlicht zu teuer für die Entwicklungsländer?

Das ist eine falsche Wahrnehmung. Wir können jetzt zeigen, dass die Kosten der essentiellen Chirurgie mit der antiretroviralen Therapie (für AIDS) und mit Impfungen vergleichbar sind, entsprechend dem Bericht der Weltbank-Disease Control Priorities. Die Weltbank hat berichtet, dass für jeden Dollar in Anästhesie investiert, erhalten Sie $ 10 zurück in Produktivität.

Und die Grundlagen der Chirurgie – Bauchchirurgie wie Appendektomie, Kaiserschnitt und Einstellung große, gebrochene Knochen – machen 80 Prozent der Notwendigkeit in armen Ländern. Diese können kostengünstig getan werden.

Tun die Länder überhaupt etwas, um die Zahl ihrer Chirurgen und Anästhesisten zu erhöhen?

Sambia und Tansania stellen nationale chirurgische Pläne zusammen. Sie nehmen finanzielle Mittel aus ihren Gesundheitsbudgets, um Chirurgie und Anästhesie zu fördern.  Auch Äthiopien scheint sich zumindest vordergründig des Problems bewusst zu sein und hat diese in ihrer Gesundheitsplanung berrücksichtigt, und beginnt die Pläne auch umzusetzen.

Trotzdem wird deutlich, dass viele Länder einen großen Mangel an Anästhesisten aufweisen.

Es ist bizarr, dass ein großer Prozentsatz  der Weltbevölkerung nicht auf das zugreifen kann, was die meisten von uns in der westlichen Welt für selbstverständlich halten. In zu vielen Ländern ist Chirurgie selbst bei Notfällen ein Luxus und kein Menschenrecht. Ein Thema, welches in jedem Fall einer viel größeren Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft bedarf.

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